{"id":7557,"date":"2021-06-16T10:27:19","date_gmt":"2021-06-16T08:27:19","guid":{"rendered":"https:\/\/bassline-bass.de\/?p=7557"},"modified":"2021-10-08T11:25:01","modified_gmt":"2021-10-08T09:25:01","slug":"franzoesische-kastanie-am-niederrhein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bassline-bass.de\/en\/franzoesische-kastanie-am-niederrhein\/","title":{"rendered":"Franzoesische Kastanie am Niederrhein"},"content":{"rendered":"<h3>flamed spalted buckeye<\/h3>\n<p>(das klingt doch schon wesentlich spektakul\u00e4rer)<\/p>\n<p>Das ist mal wieder so ein spannendes Projekt, \u00fcber das es sich lohnt ein paar Worte zu verlieren. Als Holzfreund ist man nat\u00fcrlich immer auf der Pirsch um au\u00dferordentliches Holz zu entdecken bzw. es vor dem Verfeuern zu bewahren und es in einen wohlklingenden Nutzen in Form eines Instrumentes zu \u00fcberf\u00fchren.<\/p>\n<p>So geschehen auch diesen Sommer.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-large wp-image-7560\" style=\"border: 0px none; margin-left: 0px; margin-right: 0px;\" src=\"https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_01-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"717\" height=\"477\" srcset=\"https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_01-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_01-150x100.jpg 150w, https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_01-300x200.jpg 300w, https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_01-768x512.jpg 768w, https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_01.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 717px) 100vw, 717px\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-large wp-image-7561\" style=\"border: 0px none; margin-left: 0px; margin-right: 0px;\" src=\"https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_02-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"717\" height=\"477\" srcset=\"https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_02-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_02-150x100.jpg 150w, https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_02-300x200.jpg 300w, https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_02-768x512.jpg 768w, https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_02.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 717px) 100vw, 717px\" \/><\/p>\n<div class=\"clear\"><\/div>\n<p>Seit der Jugendzeit besucht R\u00fcdiger seinen Kumpel Michel in der Franz\u00f6sischen Bretagne auf seinem gro\u00dfen Grundst\u00fcck. Dort wuchs eine gigantisch gro\u00dfe Kastanie \u2013 bis ein Unwetter kam und sie dahinraffte. Seitdem lagert sie dort. Zerteilt. Im Regen wohlgemerkt. Das ist auch nicht ganz unwichtig&#8230; denn:<\/p>\n<p>Kastanie wird bei Boutique-Instrumenten h\u00e4ufig als Deckenholz verwendet. Bekannt ist sie als Buckeye \u2013 also als Buckeye-Burl. Dieses \u201eBurl\u201c-Holz ist meist die Knolle &#8211; also die Wurzel im Boden. Nach dem F\u00e4llen oder Absterben des Baumes zersetzt sich das Maserknollenholz unter dem Einfluss von Regenwasser und diversen Pilzen, die sich im Holz einnisten. So verf\u00e4rbt sich das Holz und wird \u00fcberaus por\u00f6s \u2013 weshalb es sich in der Regel auch nur als schm\u00fcckendes Deckenholz eignet. Dieser Vorgang wird gestoppt, wenn das Holz dann getrocknet wird.<\/p>\n<p>Bei dieser franz\u00f6sischen Kastanie handelt es sich nicht um die Maserknolle \u2013 sondern eben um den gef\u00e4llten Baum, der \u00fcber lange Zeit im Regen lag und sich so ein Pilz auch im Stammholz einnisten konnte.<\/p>\n<p>R\u00fcdiger war beim Aufenthalt in Frankreich aber viel mehr davon begeistert bzw. erz\u00fcrnt, dass es sich bei diesem Stapel Brennholz um fein-geriegelte Kastanie handelt, wovon er drei St\u00fccke unbedingt mit nach Hause nehmen wollte, denn so viel Platz war im Auto gerade noch.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-large wp-image-7562\" style=\"border: 0px none; margin-left: 0px; margin-right: 0px;\" src=\"https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_03-1024x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"717\" height=\"717\" srcset=\"https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_03-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_03-150x150.jpg 150w, https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_03-300x300.jpg 300w, https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_03-768x768.jpg 768w, https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_03-66x66.jpg 66w, https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_03.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 717px) 100vw, 717px\" \/><\/p>\n<div class=\"clear\"><\/div>\n<p>Dass dieses Holz schon verpilzt war und das helle Holz bereits eingef\u00e4bt wurde, stellte sich dann erst beim Aufs\u00e4gen f\u00fcr &#8222;bookmatched&#8220;-Deckenh\u00f6lzer heraus. Im Vergleich zu por\u00f6sem \u201espalted maple\u201c oder auch \u201ebuckeye burl\u201c sind diese Deckenh\u00f6lzer aus gemaserter Kastanie aber noch nicht por\u00f6s und zersetzt, da der Zersetzungsprozess fr\u00fchzeitig gestoppt wurde.<\/p>\n<p>Diese Deckenh\u00f6lzer werden nun in unserer Werkstatt zum Einsatz kommen. Erste Instrumente haben wir schon damit realisiert, wie zum Beispiel dieser Buster CW 5 thinline fretless im Rahmen unseres Build Your Bass Workshops.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-large wp-image-7568\" style=\"border: 0px none; margin-left: 0px; margin-right: 0px;\" src=\"https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_04-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"717\" height=\"477\" srcset=\"https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_04-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_04-150x100.jpg 150w, https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_04-300x200.jpg 300w, https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_04-768x512.jpg 768w, https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/BassLine_flamed_spalted_buckeye_04.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 717px) 100vw, 717px\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-large wp-image-7568\" style=\"border: 0px none; margin-left: 0px; margin-right: 0px;\" img src=\"https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/BassLine_Buster_CW_05_02-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"717\" height=\"477\" class=\"alignleft size-large wp-image-8931\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-large wp-image-7568\" style=\"border: 0px none; margin-left: 0px; margin-right: 0px;\" src=\"https:\/\/bassline-bass.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/BassLine_Buster_CW_5_fretless_thinline-1024x528.jpg\" alt=\"\" width=\"717\" height=\"370\" \/><\/p>\n<div class=\"clear\"><\/div>\n<div class=\"hr\"><!-- --><\/div>\n<div class=\"three_fourth \"><p>Angeregt von diesem Beitrag meldete sich Schriftsteller Hans-Martin Gro\u00dfe-Oetringhaus bei R\u00fcdiger und recherchierte etwas tiefer in R\u00fcdigers franz\u00f6sischer Vergangenheit. Herausgekommen ist eine wirklich wundersch\u00f6ne Kurzgeschichte, die wir Euch nicht vorenthalten m\u00f6chten. Erschienen ist die Geschichte in Hans-Martins drittem Buch<\/p>\n<p><strong>H\u00fcls, die Welt und der Himmel<\/strong><br \/>\n(IATROS-Verlag). Sonnefeld 2021<br \/>\nISBN 978-3-86963-235-3<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large\" src=\"http:\/\/grosse-oetringhaus.de\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/cropped-grosse-oetringhaus-01.png\" width=\"717\" height=\"199\" \/><\/p>\n<div class=\"clear\"><\/div>\n<p><strong><em>&#8222;Bretonisch-h\u00fclserisches Kastaniengeheimnis&#8220; &#8211; von Hans-Martin Gro\u00dfe-Oetringhaus<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Es waren einmal zwei junge M\u00e4nner \u2026 Nein, so kann diese Geschichte nicht beginnen, denn sonst k\u00f6nnte man meinen, es handele sich um ein M\u00e4rchen. Dabei ist das, was hier erz\u00e4hlt werden soll, den beiden ja genauso passiert. Nennen wir den einen R\u00fcdiger, weil sich dieser Name so sch\u00f6n Deutsch anh\u00f6rt. Und nennen wir den anderen jungen Mann Michel, weil sich das so sch\u00f6n Franz\u00f6sisch anh\u00f6rt, vor allem, wenn wir ihn Misch\u00e4l aussprechen. R\u00fcdiger hatte sein erstes Auto erworben und machte sich 1980 mit dem beige-farbigen R4 stolz auf gro\u00dfe Fahrt in die Bretagne. Freiheit, Abenteuer, Baguette und Rotwein &#8211; Gr\u00fcnde genug, um sich auf den Weg nach dort zu machen. An dem stand mit ausgestrecktem Daumen ein Tramper, dessen Name, wie sich bald herausstellte, Michel war. Den lie\u00df R\u00fcdiger zu sich einsteigen. Wer ein so stolzes Gef\u00e4hrt hatte, der konnte auch gro\u00dfz\u00fcgig andere an diesem Gl\u00fcck teilhaben lassen. Kurz darauf stand wieder ein Tramper am Stra\u00dfenrand und im R4 war noch Platz f\u00fcr Francis. Man musste nur die Beine etwas in Falten legen. \u201eWohin geht die Reise?\u201c, wollte Michel wissen. R\u00fcdiger zuckte mit den Schultern. \u201eIrgendwohin, wo die Bretagne besonders sch\u00f6n ist.\u201c Da hatte Michel gleich einen Vorschlag. \u201eKommt doch mit zu mir auf mein Schloss.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Die Idee gefiel allen dreien. Und so schaukelte der R4 in Richtung Ker Obert. In der Bretagne beginnen die Namen zahlreicher kleiner Ortschaften und Ansiedlungen mit Ker. Im Bretonischen, das heute allerdings nur noch wenig gesprochen wird, bedeutet das Dorf. Kurz vor ihm bog R\u00fcdiger von der Landstra\u00dfe in einen schmalen Weg ein, der in zahlreichen Windungen durch Felder und Wiesen f\u00fchrte, bis schlie\u00dflich zwischen den B\u00e4umen ein grauer, schiefergedeckter Turm zu erkennen war. Sie hatten Michels Schloss erreicht.<\/em><\/p>\n<p><em>Allerdings war Michel nicht der alleinige Besitzer. Er musste sich das Anwesen mit seinen sieben Schwestern teilen. Sein Vater hatte es einst wiederum von dessen Vater und der hatte es zuvor von einem befreundeten Kriegskammeraden geerbt. Ein Jahr vor der Revolution wurde es fertig gestellt. Sein Erbauer wird vermutlich nicht mehr allzu viel Freude an ihm gehabt haben. Und die Freude, die Michel an ihm hatte, war auch nicht ungetr\u00fcbt. Mehr und mehr nagten Regen, Wind und Alter an den Schlossw\u00e4nden und an seinem Dach. An manchen Stellen wollten die Mauern nicht mehr beieinander bleiben und bildeten klaffende Spalten. Die Fensterrahmen wurden zunehmend br\u00f6ckelig und oben im Boden wurden die Holzdielen so morsch, dass Michel seinen beiden G\u00e4sten zeigen musste, wo sie hintreten durften und welche Stelle sie tunlichst meiden sollten. Er selbst wohnte gl\u00fccklicherweise in einem kleinen H\u00e4uschen, das neben dem Schloss stand und einst den Bediensteten als Unterkunft gedient haben mochte.<\/em><\/p>\n<p><em>W\u00e4hrend Francis seine Reise nach zwei Tagen fortsetze, blieb R\u00fcdiger drei Wochen und genoss das Schlossleben. W\u00e4hrend dieser Zeit wurde das Fundament zu einer Freundschaft gelegt, die im Laufe der Jahre mehr und mehr wachsen sollte. Denn beide verband eine ganz besondere Beziehung zu B\u00e4umen und Holz, hatten sie doch beide eine Schreinerlehre hinter sich. B\u00e4ume wuchsen reichlich rund um das Schloss. Auf seiner R\u00fcckseite lag eine Streuobstwiese mit Apfel- und Pflaumenb\u00e4umen. Dahinter erstreckte sich ein dichter Wald. Und vor dem Eingang zum Schlosshof erhob sich eine stattliche Kastanie.<\/em><\/p>\n<p><em>So wie diese von Jahr zu Jahr m\u00e4chtiger wurde, wuchs auch die Freundschaft zwischen Michel und R\u00fcdiger. Sie f\u00fchrte dazu, dass Michel f\u00fcr einige Zeit zusammen mit R\u00fcdiger in einer H\u00fclser Schreinerei arbeitete und dass im Gegenzug nicht nur R\u00fcdiger und seine Frau regelm\u00e4\u00dfig ihre Urlaube auf Michels Schloss verbrachten, sondern sie auch ihre Freunde aus H\u00fcls mitbrachten.<\/em><\/p>\n<p><em>Beim Durchstreifen der verstaubten und vollgestopften R\u00e4ume, die einst Gem\u00e4cher gewesen sein mussten, seufzte Michel immer wieder: \u201e Man m\u00fcsste, man m\u00fcsste\u2026\u201c. Aber f\u00fcr all das, was gemacht, renovieret, ausgebessert werden m\u00fcsste, fehlte einfach das Geld. Die Vorh\u00e4nge vor den Fenstern waren l\u00e4ngst von Spinnwebgardinen ersetzt worden. Und so zerfiel die einstige Pracht von Winter zu Winter und es war nichts in Sicht, was diesen Prozess aufzuhalten vermochte. So entwickelte sich das Schloss zu einer maroden, morbiden, geheimnisvollen Sch\u00f6nheit, w\u00e4hrend die Kastanie vor ihm immer m\u00e4chtiger und strahlender heranwuchs.<\/em><\/p>\n<p><em>Ihre grobe Schuppenborke barg bei genauerem Hinsehen ein besonderes Geheimnis. Und das teilte sie mit 90 Prozent aller ihrer Artgenossen. Es endg\u00fcltig zu l\u00fcften ist der Wissenschaft bis heute noch nicht endg\u00fcltig gelungen. Die Holzstrukturen sind bei den meisten Kastanien n\u00e4mlich nicht genau senkrecht l\u00e4ngs des Stammes orientieret sondern vielmehr leicht verdreht. Das hat bei Wissenschaftlern zu hei\u00dfen Diskussionen gef\u00fchrt, ob dieser Drehwuchs genetisch bedingt ist oder durch das Wandern der Sonne und damit letztlich durch die Erddrehung bedingt sein kann. Wie gleichen sich die umstrittenen Fragen bei Kastanien und Menschen: Ist ihr Charakter angeboren oder durch \u00e4u\u00dfere Faktoren gepr\u00e4gt?<\/em><\/p>\n<p><em>Nicht weniger geheimnisvoll war auch das Schloss. Manche T\u00fcreing\u00e4nge schienen vor Jahren zum letzten Mal ge\u00f6ffnet zu sein, wenn man bedachte, wie lange Efeu oder Hortensien ben\u00f6tigen, um die T\u00fcrbl\u00e4tter mit solch dichtem Rankengewirr und Laubwerk zuwachsen zu lassen. Oder der zugemauerte Rundbogen, dessen Putz der Frost hatte wieder aufbrechen lassen, sodass der nackte Stein der Phantasie wieder freien Lauf lie\u00df, um sich auszumalen, welche Geheimnisse hinter dem gebrochenen Stein verborgen sein mochten. Nicht anders verhielt es sich bei den klaffenden Fenster\u00f6ffnungen, hinter denen das Schwarz ebenfalls Geheimnisvolles oder gar Unheimliches vermuten lie\u00df. An eine Mauer gelehnt ein verrostetes Gittertor, dessen Rost vom warmen Licht der Nachmittagssonne zum Leuchten gebracht wurde. Die Holzt\u00fcr, die ihr Alter hatte schief werden lassen, wie einen Greis. Die Farbe, die man kaum noch erraten konnte, war l\u00e4ngst abgebl\u00e4ttert und gab die Rillen und Maserungen des Holzes wieder frei, aus dem hier und da ein rostiger Nagel hervorragte. Zerborstene Fensterscheiben, Ritzen und Spalten im Gem\u00e4uer. Es war die Anmut der Verg\u00e4nglichkeit, die die Besucher immer wieder in ihren Bann zog.<\/em><\/p>\n<p><em>Nicht anders das Chaos, das im Inneren des Schlosses herrschte. Die Vorh\u00e4nge vor den Fenstern waren l\u00e4ngst von Spinnwebgardinen ersetzt worden. Sie bildeten einen schaurigen Schleier vor dem Gruselkabinet, das sich in den einstigen Gem\u00e4chern bot. Der hohen Glasvitrine, die mit ausgestopften V\u00f6geln vollgestellt war, fehlten bereits einige Scheiben. Die Eule blickte die Besucher so an, als w\u00fcrde sie die St\u00f6renfriede am liebsten wieder zur\u00fcck nach H\u00fcls w\u00fcnschen.<\/em><\/p>\n<p><em>Was mochte dieses Schloss bereits alles erlebt und gesehen haben? Die Geschichten mussten sich die Besucher selbst ausdenken und erz\u00e4hlen, denn Michel hatte dazu nicht allzu viel in Erfahrung bringen k\u00f6nnen. Das Fabulieren fiel nicht schwer, wenn die Besucher mit Michel am Abend vor dem Schloss sa\u00dfen und die Kerzen des Leuchters ein flackerndes Licht gaben und lange Wachsnasen auf den Tisch tropfen lie\u00dfen. Da konnte man sich ein Fest-Banquette im gerade fertiggestellten Schloss vorstellen, eine festlich gedeckte Tafel, raschelnde Kleider, gepuderte Per\u00fccken, dazu Lautenmusik. Der ausgestopfte Hirschkopf an der Wand hatte sein Maul zu einem sp\u00f6ttischen L\u00e4cheln verzogen. Vielleicht ahnte er bereits, dass solche Abende bald vorbei sein w\u00fcrden, wenn die Revolution auch bis Ker Obert geschwappt sein w\u00fcrde und eine neue Schlossgeschichte geschrieben werden m\u00fcsste.<\/em><\/p>\n<p><em>Sich an diesem Ort der Phantasie hinzugeben, war verf\u00fchrerisch angesichts des alten Gem\u00e4uers, hinter dem sich der Mond versteckte, der von Spinnweben verhangenen Fenster und der Eulenschreie in der Nacht, die vom Dach der alten Kapelle her\u00fcberdrangen. Und wenn der Wind in die m\u00e4chtige Kastanie an der Einfahrt zum Schloss fuhr, dann lie\u00dfen sich all die ungewohnten Ger\u00e4usche nur schwer zuordnen. Vielleicht konnte man dann in revolution\u00e4rer Nacht die Bauern an der T\u00fcr des Schlosses r\u00fctteln h\u00f6ren. Als sie nicht ge\u00f6ffnet wurde, traten die w\u00fctenden Bauern sie krachend ein und versuchten, den Marquis in Richtung Kamin zu dr\u00e4ngen. Aber dann gaben sie ihm die Chance zu fliehen. Der Mond verschwand hinter den Wolken, die vom Meer herangetrieben wurden, und gew\u00e4hrte den Fliehenden den Schutz der Dunkelheit. Nur die Eule in der Kastanie heulte ihnen nach. Die Besucher konnten sie deutlich h\u00f6ren.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Jahre vergingen, in denen die Bindungen zwischen H\u00fcls und Ker Obert mal enger mal lockerer waren. Und in diesen Jahren alterte nicht nur das Schloss mehr und mehr. Auch die Kastanie begann, ihr Alter zu sp\u00fcren, bis sie eines Tagen den Herbstst\u00fcrmen, die vom Atlantik her\u00fcberfegten, keinen Widerstand mehr leisten konnte und krachend umst\u00fcrzte.<\/em><br \/>\n<em>Das Alter hinterlie\u00df \u00fcberall seine Spuren: am Schloss, an den B\u00e4umen und nicht zuletzt bei den Menschen. Auch an Michel und R\u00fcdiger gingen die St\u00fcrme des Lebens nicht spurlos vor\u00fcber. Aber der Kontakt zwischen beiden \u00fcberdauerte die Jahre. Und die Liebe zum Holz auch.<\/em><\/p>\n<p><em>Diese Liebe kann ganz pragmatisch sein, weil man aus Holz sehr n\u00fctzliche Dinge herstellen kann. Aus ihm kann man Tische und St\u00fchle zimmern. Nicht zu verachten sind auch Betten, Fr\u00fchst\u00fccksbrettchen, Kochl\u00f6ffel oder Wanderst\u00f6cke. Man kann Holz aber auch als Kunstwerk betrachten mit seinen eigenen Formen, Strukturen, Maserungen und Schattierungen. Aber auch das haptische Bed\u00fcrfnis kann es befriedigen. Wer f\u00e4hrt nicht gerne mit den Fingerkuppen oder der ge\u00f6ffneten Handfl\u00e4che \u00fcber seine Erhebungen und Vertiefungen, Rillen und glattpolierte Kuppen? Holz kann allerdings auch zickig sein, wenn seine Splitter in die Hand eindringen und Wunden oder gar Narben hinterlassen. Manch einer, wie R\u00fcdiger, hat sogar den Klang des Holzes im Ohr. Er ahnt bereits, wie es klingen kann, wenn Saiten dar\u00fcber gespannt werden. Holz hat auch einen besonderen Geruch. Oder besser: es hat zahlreiche unterschiedliche Ger\u00fcche. Dem von Fichten, Tannen und Kiefern begegnet man des \u00d6fteren. Dem von Kastanien sicherlich seltener.<\/em><\/p>\n<p><em>Holz ist also ein Material oder vielleicht sogar ein Wesen mit einer ganz besonderen Seele. Es macht das Leben der Menschen nicht nur praktischer und bequemer sondern auch sch\u00f6ner und sinnlicher. Es spricht alle Sinne an: das F\u00fchlen, Sehen, Riechen und H\u00f6ren.<\/em><\/p>\n<p><em>Wen wundert es also, wenn R\u00fcdiger und Michel ein ganz besonderes Verh\u00e4ltnis zum Holz haben, das schwierig zu beschreiben ist und darum hier schlicht als Liebe bezeichnet werden soll. Und wenn dann noch die Liebe zur Musik dazu kommt, dann liegt es nahe, dass der Wunsch entsteht, das Holz zum Klingen zu bringen. Und genauso war es bei R\u00fcdiger. Er begann Bass-Gitarren zu bauen, immer mehr und immer professioneller, so dass 1993 daraus die Gitarren-Manufaktur Bassline entstand.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Arbeit lie\u00df R\u00fcdiger nicht viel Zeit zum Reisen. Doch als er sich mit seiner Frau doch wieder einmal auf den Weg in die Bretagne zu Michel machte, fiel ihm nat\u00fcrlich sofort ins Auge, dass irgendetwas fehlte, als sie in den Hof des Schlosses einbogen. Klar! Die Kastanie fehlte, jene Kastanie, die immer viel Kraft und Robustheit ausgestrahlt hatte und damit dem Blick auf das Schloss, dem beides im Laufe der Zeit abhandengekommen war, einen w\u00fcrdigen Rahmen geboten hatte. Ihr Stamm lag zers\u00e4gt und gestapelt hinter der einstigen Kapelle. Dort war er der bretonischen Witterung mit Wind und Regen ausgesetzt und wartete darauf, irgendwann verfeuert zu werden. Bei diesem Gedanken str\u00e4ubte sich alles in R\u00fcdiger. Seine H\u00e4nde fuhren \u00fcber das fein-geriegelte Holz. Es f\u00fchlte sich nicht nur gut an, R\u00fcdiger konnte es sich bereits an seinen Gitarren vorstellen. Darum musste er nicht lange \u00fcberlegen. F\u00fcr drei der Bl\u00f6cke konnte er gerade noch Platz in seinem Wagen schaffen. Wenn in fr\u00fcheren Zeiten noch zwei Tramper zus\u00e4tzlich hineinpassten, dann musste es jetzt mit drei Holzbl\u00f6cken auch m\u00f6glich sein.<\/em><\/p>\n<p><em>Und so machten er und seine Frau sich mit dem bretonischen Kastanienholz auf die Reise nach H\u00fcls. Zuhause angekommen, warf er gleich die S\u00e4ge an, denn Kastanie wird bei Boutique-Instrumenten gerne als Deckholz verwendet. Was die S\u00e4ge dann freilegte, lie\u00df R\u00fcdiger den Atem anhalten. Pl\u00f6tzlich wurden wunderbare Maserungen sichtbar. R\u00fcdiger ahnte nat\u00fcrlich sofort den Grund. Wind und Wetter hatten Feuchtigkeit in das Holz ziehen lassen und mit ihr einen Pilz, der sich mit der Zeit im Holz hatte einnisten k\u00f6nnen. Jetzt beim S\u00e4gen trat die k\u00fcnstlerische Arbeit des Pilzes zutage. Das helle Holz hatte sich bereits eingef\u00e4rbt, war aber noch nicht por\u00f6s geworden, weil der Zersetzungsprozess rechtzeitig gestoppt worden war. So war dieses Holz zu etwas ganz Besonderem geworden und eignete sich hervorragend als Deckholz f\u00fcr zuk\u00fcnftige B\u00e4sse. Was w\u00fcrden das f\u00fcr Instrumente werden! Doch mit der Freude \u00fcber die unvorhergesehene \u00dcberraschung stellte sich auch gleich die Frage, wie man das restliche Holz von der R\u00fcckwand einer bretonischen Schlosskapelle nach H\u00fcls bekommen k\u00f6nnte. Es war klar, dass der gesponnene Faden zwischen H\u00fcls und Ker Obert so schnell nicht abrei\u00dfen w\u00fcrde.<\/em><\/p>\n<p><em>Und vielleicht l\u00e4sst sich sein eines Ende bei einem Konzert am Niederrhein vorsichtig ergreifen. Achten Sie dann bitte besonders auf die Bass-Gitarre. Klingen in ihren Schwingungen bretonische T\u00f6ne mit? H\u00f6ren Sie vielleicht den Wellenschlag des Meeres beim Aufprall auf die Felsen heraus? War da das Knarren der Dielen im Schloss zu h\u00f6ren? Vielleicht vernehmen Sie das Heulen der Eule im alten Gem\u00e4uer? Oder das Rauschen der m\u00e4chtigen Kastanie im Schlosshof? H\u00f6ren Sie genau hin! Und vielleicht folgen Sie auch diesen T\u00f6nen von H\u00fcls aus in die Bretagne. Und falls ein Tramper am Stra\u00dfenrand stehen sollte, nehmen Sie ihn mit. Wer wei\u00df, was f\u00fcr eine Geschichte sich daraus ergeben k\u00f6nnte.<\/em><\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>flamed spalted buckeye (das klingt doch schon wesentlich spektakul\u00e4rer) Das ist mal wieder so ein spannendes Projekt, \u00fcber das es sich lohnt ein paar Worte zu verlieren. Als Holzfreund ist man nat\u00fcrlich immer auf der Pirsch um au\u00dferordentliches Holz zu entdecken bzw. es vor dem Verfeuern zu bewahren und es in einen wohlklingenden Nutzen in Form eines Instrumentes zu \u00fcberf\u00fchren.&nbsp;&rarr;&nbsp;<a href=\"https:\/\/bassline-bass.de\/en\/franzoesische-kastanie-am-niederrhein\/\" class=\"read-more\">read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":7558,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bassline-bass.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7557"}],"collection":[{"href":"https:\/\/bassline-bass.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/bassline-bass.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bassline-bass.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bassline-bass.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7557"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/bassline-bass.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7557\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8932,"href":"https:\/\/bassline-bass.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7557\/revisions\/8932"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bassline-bass.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7558"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bassline-bass.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7557"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/bassline-bass.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7557"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/bassline-bass.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7557"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}